Gerhard Thamm van Balen

Das Wilhelm-Gymnasium – Zukunftsschule aus Tradition

Ansprache anlässlich der Einführung als Schulleiter am 21.08.2000

 

Verehrte Gäste,

sehr geehrter Herr Gades,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Schülerinnen und Schüler –

Wer das Amt des Schulleiters übernehmen will, muss sich auf vielfältige Herausforderungen gefasst machen. Zu den Herausforderungen, die gemeistert sein wollen, gehören die "einfachen Fragen", denn gerade in ihrer Schlichtheit liegt ihr besonderer Anspruch.

Eine dieser "einfachen Fragen" lautet: "W a s  i s t  e i n e  g u t e  S c h u l e ? "

Ich versuche eine Antwort, indem ich drei Merkmale nenne:

  • Eine "gute" Schule erteilt einen ertragreichen und attraktiven Unterricht, der die Schülerinnen und Schüler in ihren Lernbemühungen aktiv unterstützt und die besonderen Gaben der Kinder und Jugendlichen fördert.
  • Eine "gute" Schule weiß sich einem weiten Bildungsbegriff verpflichtet. Sie bietet Unterricht, dessen Inhalte nicht von den Wirtschaftlichkeitserwägungen unserer Gesellschaft her definiert werden, sondern einem deutlich höheren Anspruch verpflichtet sind. Die Schule tut dies aus der Gewissheit heraus, dass im Leben vor allem zurechtkommt, wer sich mit der ganzen Breite menschlicher Fragen und Leistungen befasst hat. Von hierher haben z.B. die Alten Sprachen ihre besondere Legitimation, aber auch die Auseinandersetzung mit Bildender Kunst, mit Musik und Religion.
  • Eine "gute" Schule begreift sich als Gemeinschaftswerk: Lehrkräfte, schulische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Schülerinnen und Schüler, Eltern arbeiten vertrauensvoll zusammen. Die tägliche Unterrichtsarbeit wie auch besondere Initiativen finden Unterstützung und Anerkennung in der Schulgemeinschaft. Konflikte werden konstruktiv beigelegt. Neues geht man gemeinsam an.

Trage ich diese Kriterien an das Wilhelm-Gymnasium heran, sehe ich mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass dem WG das Gütesiegel einer "guten Schule" gebührt. – Wer sich mit den vielfältigen Bemühungen und Aktivitäten der Lehrkräfte, der Schülerschaft und der Eltern vertraut macht, gelangt rasch zu der Einsicht, dass das WG sogar eine Schule besonderer Qualität ist. Diese Qualität prägt unsere Schule in der Gegenwart und wird sie auch in Zukunft prägen.

Und dennoch: Wir haben Anlass, wachsam zu sein.

Dieser Anlass resultiert aus der besonderen Art der Zukunft, die auf uns zukommt: Wenn auch über die Gestalt künftiger Existenz wenig Sicheres gesagt werden kann, so sehen wir inzwischen ab, dass Tempo und Ausmaß technischer, wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen bis auf weiteres zunehmen werden. – Werfen wir in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Schülerinnen und Schüler, die am Donnerstag dieser Woche das WG zum ersten Mal betreten: Im Sommer 2007 (!) beenden sie ihre Schulzeit mit der Abiturprüfung und werden dann, nach durchlaufener weitere Ausbildung, bis ins Jahr 2050 (!!) und darüber hinaus berufstätig sein.

Wie können wir diese unsere Schülerinnen und Schüler im Verlauf ihrer Schulzeit so bilden, dass sie in der Lage sind, die kommenden Jahrzehnte erfolgreich zu bewältigen?

Eine konkrete Antwort fällt schwer. Aber soviel ist sicher:

  • Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen eine Schule, die sich den heraufziehenden Veränderungen unvoreingenommen und aktiv zuwendet.
  • Sie brauchen einen Unterricht, der sich auf grundlegende Wandlungen der Schülerschaft gefasst macht.

  • Und sie brauchen eine Didaktik, die in besonderer Weise auf Zukunftsfähigkeit zielt.

Kurz: Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen eine Schule, die sich als "Zukunftsschule" versteht.

Zukunftsschule Wilhelm-Gymnasium

Passt eine solche Ausrichtung aber zu einem Gymnasium, das im Lande als "Traditionsschule" gilt?

  • Wenn das Wilhelm-Gymnasium als "Traditionsschule" bezeichnet wird, verstehe ich dies stets als Kompliment, ist damit doch zum Ausdruck gebracht, dass hier gerade diejenigen Traditionen unterrichtlich zur Sprache kommen, die – nach aller bisheriger Erfahrung – zu den wertvollsten Besitzständen der europäischen Geistesgeschichte zählen. Wenn wir diese Traditionen pädagogisch und didaktisch immer wieder neu auf das Kommende hin durchdenken, bereiten wir unsere Schülerinnen und Schüler in besonderer Weise auf das vor ihnen liegende halbe Jahrhundert vor.
  • "Traditionsschule" meint darüber hinaus, dass in allen Fächern, gerade auch in den "modernen", intensiv gearbeitet wird und die Schülerinnen und Schüler solide Fachkenntnisse erwerben; zudem erlangen sie Methodenkompetenz, damit sie für selbstständiges Arbeiten und lebenslanges Lernen gerüstet sind.
  • "Traditionsschule" meint nicht zuletzt, dass an dieser Schule ethische Fragen eine Rolle spielen. Auch hier fügen sich "Tradition" und "Zukunft" bruchlos zusammen: Was bisherige Generationen an ethischen Bezugspunkten noch vorfanden, muss der Jugendliche, der in die moderne, pluralistische Informations- und Wissensgesellschaft hineinwächst, mehr und mehr selbst entwickeln. Die Schule bereitet ihn darauf vor, indem sie – im Unterricht wie im Schulleben – seine Verantwortungsfähigkeit und kritische Urteilskraft stärkt und insgesamt auf eine umfassende ethische Bildung zielt.

Eine Schule, die im besten Sinne des Wortes "Traditionsschule" ist, darf sich also mit vollem Recht auch "Zukunftsschule" nennen.

Das Wilhelm-Gymnasium – Zukunftsschule aus Tradition !

Ein Selbstverständnis, das sich in besonderer Weise der Zukunftsfähigkeit unserer Schülerinnen und Schüler verpflichtet weiß, steht dem Wilhelm-Gymnasium ausgezeichnet zu Gesicht.

Ich danke Ihnen. –

 

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