Bericht
zur Arbeit in der Hochbegabtenförderung
von Schülern im Fach Kunst
Braunschweig

Michael Ewen, StR

Rainer Jaeger, OStR

Jürgen Kuck, StD

Regine v. Monkiewitsch, OStR´

 

November 2008

 

Die Idee:

Eine Förderung von Hochbegabten im Bereich der Bildenden Kunst ins Leben zu rufen, war von vornherein als Projekt mit Versuchscharakter geplant, wobei im Vorfeld divergierende Vorstellungen zur Umsetzung im Diskurs mit Fachkollegen¹ der Braunschweiger Schulen und Hochschullehrern der Kunsthochschule Braunschweig zunächst harmonisiert werden mussten.

¹ im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit nur noch die grammatikalisch männliche Form verwendet.

 

Der Begriff:

Die divergierenden Vorstellungen entzündeten sich vor allem an den Termini „Hochbegabung“ und „Exzellenzförderung“, die zwar in entsprechenden Broschüren und in der Fachliteratur differenziert definiert werden, gleichwohl gerade für den Kunstbereich nicht unbesehen übertragbar sind. Anders als auf weiteren geistes- oder naturwissenschaftlichen Gebieten, insbesondere aber im Fach Musik, gibt es im Fach Bildende Kunst keine verbindlichen Gütekriterien, die beispielsweise auf handwerkliche Fähigkeiten oder formsprachliche Qualitäten wie z.B. die Fähigkeit deskriptiv Menschen darzustellen, reduziert werden können.

Dies hat letztlich seine Ursache im erweiterten Kunstbegriff, der in den Rahmenrichtlinien (RRL) durch den Bildbegriff ersetzt wurde: Dem zufolge zählen alle menschlichen Fähigkeiten, die einen visuellen Ausdruck finden, potentiell zu den Themenfeldern des Faches Kunst. Dies findet seinen Niederschlag in den Definitionen der drei Sachbereiche: Massenmedien, Bildende Kunst, Gestaltete Umwelt, die problemorientiert und sachbereichsübergreifend zum Gegenstand des Unterrichts gehören. Ein weiterer wesentlicher Schwierigkeitsgrad ergibt sich aus der Koppelung von Theorie und Praxis, die in den RRL vorgeschrieben ist. Hochbegabungen können sich also nicht nur in den ästhetisch-praktischen Fähigkeiten der drei Sachbereiche zeigen, sondern gleichwertig auch auf kunstgeschichtlichem, kunstwissenschaftlichem und kunsttheoretischem Gebiet.

Letzteres eröffnet die Möglichkeit, in fächerübergreifendem Lernen Bezüge zu Fachgebieten wie Religion, Mathematik, Werte und Normen, Geschichte, Literatur, etc. herzustellen.

Noch wesentlicher zeigt sich das Problem einer Exzellenzförderung, wenn ausschließlich von den Resultaten ästhetischer Praxis her Kriterien entwickelt werden. Denn die ästhetische Praxis eines Heranwachsenden ist in besonderem Maße schulischen und anderen, zum Beispiel medialen Einflüssen unterworfen, mithin auf ihre affirmative Verarbeitung von Themen und Problemen fixiert. Zudem ist niemals genau zu ermitteln, in welcher Form eine Eigenständigkeit des zu fördernden Schülers an den Ergebnissen der ästhetischen Praxis erkennbar wird oder ein besonders differenzierter Kunstunterricht Früchte trägt.

 

Zum Vorgehen:

Gruppenbild einiger Teilnehmer am 27.9.2008

Angesichts der offenen und kaum eingrenzbaren Möglichkeiten, die eine Förderung eröffnen, war es aus pragmatischen Gründen zunächst erforderlich, die Förderung einzugrenzen und praktikable Organisationsformen zu bilden. Die naheliegendste Frage war, wie überhaupt als förderungswürdig erachtete Schüler aktiviert werden könnten. Zudem musste eine Reduktion des Einzugsgebietes erfolgen.

Im Gespräch mit Frau Stobbe und Herrn Walter vom Kultusministerium einigten wir uns darauf, dass die Förderung zunächst auf Braunschweiger Schulen beschränkt werden sollte. Ebenso war die Personenzahl von Schülern und Lehrern auf ein Verhältnis von etwa eins zu fünf als sinnvoll erachtet worden, woraufhin an die Fachbereichsleiter Kunst der zehn Braunschweiger Gymnasien und Gesamtschulen die Aufforderung erging, jeweils drei Schüler zu benennen, die als förderungswürdig eingestuft werden können.

Auf Empfehlung der Fachberaterin Kunst, Frau Märgner-Beu, wurden neben dem Fachleiter Jürgen Kuck, Regine von Monkiewitsch, Rainer Jaeger und Michael Ewen als Lehrbeauftragte benannt. Als zentraler Förderungsort wurde die Raabeschule ausgewählt, da sie von allen Braunschweiger Schulen die großzügigsten Räume und die beste Ausstattung bietet. Die Schule besitzt drei helle, auf einer Ebene angelegte, große Kunsträume, Staffeleien, variable Tische und den Anforderungen des Kunstunterrichtes entsprechende Medien. Nach Bedarf könnte auch auf ein Fotolabor zurückgegriffen werden. Außerdem gibt es für die Schule eine gute Verkehrsanbindung.

Ausdrücklich wurde festgelegt, dass den vier verantwortlichen Lehrern eine experimentelle Vorgehensweise ermöglicht wird, um in einer Art Pilotprojekt grundsätzliche Erfahrungen zu sammeln, die dann nach etwa ein oder zwei Jahren in Form von Kolloquien, Ausstellungen oder Ähnlichem kommuniziert werden sollen. Der nachfolgende Bericht liefert nach 1 ½ Jahren eine erste Grundlage.

 

Bericht:

Wir vier mit der Förderung betrauten Kollegen: Michael Ewen, Rainer Jaeger, Jürgen Kuck und Regine von Monkiewitsch, haben uns zunächst in mehreren Sitzungen abgestimmt und sind zu der Übereinkunft gelangt, die Hochbegabtenförderung in Anlehnung an die Grundlehre der HBK im Fachbereich „Freie Kunst“ zu organisieren. Dazu haben wir in der ersten Zusammenkunft mit den Schülern, die von den Braunschweiger Gymnasien benannt worden waren, zunächst die mitgebrachten künstlerischen Arbeitsproben in einem Kolloquium gewürdigt. Schnell wurde erkennbar, dass die Arbeitsergebnisse der zu fördernden Schüler sich entweder auf den Bereich Malerei und Grafik beschränkten oder das Themenfeld Manga betrafen. Lediglich ein Schüler war im Themenbereich Film aktiv. Wir hatten nunmehr die Wahl, entweder an den Ergebnissen und dem Problembewusstsein der Schüler anzuknüpfen und hier eine Entwicklung in Richtung eigenständiger, künstlerischer Gestaltung zu fördern, oder von vornherein auf das Angebot einer erweiternden Palette von Ausdrucksformen, die die Schülerinnen bislang noch nicht ins Blickfeld genommen hatten, zu zielen, zum Beispiel durch das Anbieten bestimmter Techniken wie plastisches Arbeiten, Pastell, Fotografie, neue Medien oder bestimmte Methoden akademischer Menschendarstellung, Stillleben, Landschaft etc …

Übereinkunft besteht darin, dass für alle künstlerisch-gestalterischen Sachgebiete gleiche Grundprinzipien der Gestaltung gelten.

Wir wurden uns einig, dass eine ernsthafte Exzellenzförderung im Fach Kunst nur an der Förderung der individuellen Sichtweise anknüpfen kann und dass wir uns hier auf einen mühsamen Prozess der Ausbildung vorhandener Fähigkeiten einlassen müssen. Dieser Prozess erfordert Geduld und Zeit und ist in keinem Fall als lineares Fortschreiten prognostizierbar. Vielmehr müssen Umwege und Verwerfungen möglich sein, die aber nur dann sinnvoll sind, wenn sie auf der individuellen Einsicht des zu Fördernden beruhen. Das hat zur Folge, dass gerade keine Ergebnisse erzielt werden müssen, die beispielsweise einer repräsentativen Präsentation entsprechen, wie etwa im Wettbewerb „Jugend gestaltet“ gefordert. Umgekehrt ist nicht ausgeschlossen, dass solche Ergebnisse entstehen, wie zum Beispiel das Titelbild zum Wettbewerb „Jugend zeichnet und gestaltet“ beweist (siehe Deckblatt).

Überspitzt formuliert muss, wenn eine Studierfähigkeit an der HBK angestrebt wird, gerade nicht eine vorschnelle Verfestigung der Bildsprache erfolgen, sondern die Bereitschaft zum temporären Scheitern gefördert werden mit Blick auf ein alternatives, immer wieder neu hervorzubringendes Werk. In den Gesprächen mit den verantwortlichen Hochschulprofessoren waren wir uns einig, dass dieses Kunstschaffen auch altersgemäß zu beurteilen ist.

Die Ziele einer Exzellenzförderung für Jugendliche müssen notwendigerweise andere sein als die Ziele für die Förderung Erwachsener, die an der Hochschule studieren. Deshalb haben wir einen Mittelweg gewählt, der auch die Vermittlung von Sachkenntnissen in kursartiger Form zulässt, zum Beispiel Aktzeichnen oder das Besuchen von Museen. Im Zentrum steht die individuelle Aufarbeitung eigener Themen und Techniken. Zu berücksichtigen war aber auch, dass nicht alle Schüler gleichermaßen in der Lage waren und sind, diese Eigenständigkeit zu realisieren. Deshalb haben wir bei fast jedem Arbeitstreffen offene Themen angeboten, die realistisch, aber auch abstrahierend oder symbolhaft umgesetzt werden konnten wie „Verknüpfungen, Verstrickung,...“ oder „Innenwelten-Außenwelten“, die jedoch nicht verpflichtend waren. Frei war dabei auch die technische Umsetzung. Gearbeitet wurde mit den mitgebrachten Arbeitsmaterialien, ergänzt durch von den Lehrkräften gestellte Materialien.

Als Organisationsform hatten wir uns schnell darauf geeinigt, eine möglichst große Stundenzahl zu bündeln, was nur an Wochenenden bzw. samstags möglich war. Wir trafen uns von 10.00 Uhr bis 16.30 Uhr, so dass den Schülern ein großer zusammenhängender Zeitraum zur Verfügung stand. Prinzipiell hätte die Möglichkeit bestanden, die Schüler auf die vier Lehrkräfte aufzuteilen (eins zu fünf). Wir haben davon Abstand genommen und fördern die Gruppe im Team, um vor allem in der Gruppe selbst offene und variable Kleinteams zu ermöglichen. Denn schon bald stellte sich heraus, dass ein besonderer Attraktionspunkt für die Schüler die Begegnung mit Gleichgesinnten war.

Als eine sinnvolle Organisationsform führten wir, durchaus vergleichbar mit der Praxis an der HBK, Zwischen- und Abschlussbesprechungen der am Projekttag erzielten Ergebnisse durch. Diese Besprechungen nahmen etwa ein Drittel der gesamten Arbeitszeit in Anspruch und waren für die Schüler ein großer Ansporn, da sie hier ihre Tätigkeiten und Fähigkeiten von allen Teilnehmern gewürdigt sahen. Darüber hinaus erwerben sie in diesen Plenen Fähigkeiten, sich über ihre eigenen und auch über andere künstlerische Arbeiten zu äußern und Kriterien für die Bewertung zu entwickeln und auch zu verbalisieren. Automatisch erwachsen aus diesem Austausch Anregungen für eigene neue Bildfindungen. Außerdem entsteht während der Gespräche ein Gespür für die Notwendigkeit, das eigene künstlerische Denken vor dem Hintergrund zeitgenössischer Kunstkonzepte zu reflektieren.

 

Ziele der Talentförderung:

Philipp Ulita, Jg. 13, Martino-Katharineum: Facharbeit „Wo ich wohne & lebe“, Aquarell, Bildsequenzen, 29,7 x 21 cm

Lisa Heissenberg, Jg. 8

Tonio Vakalopoulos, Jg. 13, Wilhelm-Gymnasium

Sofie Schubert, Jg. 13, Gymnasium Kleine Burg: Das blaue Mädchen, Buntstift, 42 x 58 cm

1. Künstlerische Haltung ausbilden und entwickeln

Hier steht nicht in erster Linie das durch künstlerische Techniken vermittelte Ergebnis im Vordergrund, sondern die Fähigkeit, eine eigene Haltung zur Kunst zu entwickeln, die auch die Bereitschaft einschließt, sich mit dem historischen wie aktuellen Kunstdiskurs auseinanderzusetzen.

2. Impulse geben

Es herrscht das Prinzip des offenen Arbeitens vor, d.h. die Schüler arbeiten an den Themen, die sie jeweils beschäftigen. Durch intensive Einzelgespräche wird die Bereitschaft zum Diskurs und damit auch zur Intensität des künstlerischen Ausdrucks gefördert. Dies schließt selbstverständlich auch eine Beratung technischer Umsetzungsfragen und -möglichkeiten mit ein. Schülern, die keine eigenen Themen bearbeiten wollen, bieten wir ein Thema an, dass eine große inhaltliche wie gestalterische Offenheit bietet.

3. Gesprächskompetenz fördern

Die eigene künstlerische Position bzw. das künstlerische Ergebnis wird im Plenum selbstbewusst vor der Gruppe vertreten. Dies trägt zur individuellen Sprachkompetenz wie auch sozialen Kompetenz bei.

4. Kritik- und Konfliktfähigkeit entwickeln

Im Plenum Argumente sowohl für die eigene sowie für die jeweiligen anderen künstlerischen Positionen durch eine sprachliche Annäherung zu finden, sich zu reiben und Stellung zu beziehen, fördert neben einer Konfliktbereitschaft die Bereitschaft zur Relativierung der eigenen Position und somit auch eine selbstkritische Distanz gegenüber der eigenen Arbeit.

5. Vielfalt kennen lernen

Durch das Zusammenkommen von 20 bis 25 Individualisten ist schon eine Vielfalt sowohl durch die jeweiligen Persönlichkeitsstrukturen wie der künstlerischen Fähigkeiten und Interessen vorgegeben, die eine Bereicherung für alle bedingen und fruchtbar als Potential genutzt werden.

6. Teamfähigkeit fördern

Trotz des starken Hangs zum Individualismus ist auch für einen Künstler heute zunehmend die Teamfähigkeit eine Kernkompetenz, auf die er nicht verzichten kann, da Kunstprojekte und Kunstproduktionen oftmals nur im Team umsetzbar sind. Hier können Schüler lernen, nicht nur die Kompetenz der anderen für sich fruchtbar zu machen, sondern auch gemeinsame Projekte zu realisieren. Diese Teamfähigkeit wird sicherlich auch bei der geplanten gemeinsamen Ausstellung an der HBK besonders herausgefordert.

7. Förderung von Strategien zur künstlerischen Selbstfindung

Das Suchen nach einem für sich selbst adäquaten Weg, eine künstlerische Position zu finden und evtl. auch in Frage zu stellen, Erschwernisse und Widerstände zu überwinden, Erwartungshaltungen zu entwickeln und zu hinterfragen, gesellschaftliche Rahmenbedingen sich bewusst zu machen, sind Voraussetzungen einer Strategie künstlerischer Selbstfindung und damit auch integrale Bestandteile der Plenumsgespräche.

8. Förderung des Querdenkens und Experimentierens

Die Überwindung des normativen, vordergründigen und klischeehaften Denkens, wie die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen Themenfeldern ist Voraussetzung für den Mut zum Experiment, zu einer Erforschung des eigenen Ausdruckswillens, die dem gewählten Thema gerecht wird.

9. Förderung des Abstraktionsvermögens

Eine künstlerische Position und ästhetische Konzepte zu entwickeln, fordert neben der Ausdrucks- auch die Förderung des Abstraktionsvermögens heraus; d.h. die Fähigkeit, aus dem Vielfältigen und der Redundanz das Wesentliche abzuleiten, um zu einer künstlerischen Verdichtung und Aussage zu gelangen.

 

Im Bericht der vier Lehrkräfte sind außerdem Abschnitte über die künstlerische Entwicklung von sieben Schülern und Schülerinnen enthalten, die für die Internetversion herausgenommen wurden. U. Kuttig

 

Erster Bericht (Mai 2008)
Fach Kunst

 

 

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