AG ‚Geschichte des WG 1933-45’

Stolpersteine für die ehemaligen WG-Schüler Norbert Regensburger, Bruno Mielziner und Otto Lipmann

Stolpersteine in Braunschweig für die Familie Regensburger

Am 4.12.2007 fand im Amtsgericht Braunschweig die Präsentation von sechs mit einem Stolperstein zu ehrenden ehemaligen jüdischen Braunschweiger Bürgern statt, von denen drei Schüler des Wilhelm-Gymnasiums gewesen waren und dort Abitur gemacht hatten. Die ‚Stolpersteine’, Pflastersteine mit einer in Metall eingravierten Inschrift, verlegt bundesweit der Bildhauer Gunter Demnig für ehemalige jüdische Bürger, die aus Gründen des NS-Regimes zu Tode kamen, an der Stelle ihres letzten freiwillig gewählten Wohnsitzes in Deutschland. Demnig ist dabei nicht zuletzt getragen von dem Willen, für die von ihm vermuteten Verbrechen auch seines Vaters im Rahmen der Wehrmacht ein wenig Wiedergutmachung zu leisten. Das geht aus einer Informationstafel der Villa in Berlin-Wannsee hervor, in welcher im Januar 1942 die berüchtigte Konferenz zur ‚Endlösung der Judenfrage’ unter Leitung des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich stattfand. Ermöglicht werden Präsentation und Verlegung durch die ehrenamtlichen Aktivitäten des Fördervereins Stolpersteine, in Braunschweig geleitet von Sigrid Bauer und Jutta Salzmann. Finanziert werden die Stolpersteine für die drei ehemaligen WG-Schüler durch die WG-Schüler (und Lehrer) von heute: die SV bestimmte die Kollekte der Schulweihnachtsgottesdienste von 2006 für diesen Zweck.

Im Rahmen der AG ‚Geschichte des WG 1933-45’ recherchierten und präsentierten Eva Jirjahlke, Sonja Groß, Alexandra Peris, Alexandra Weber und Tonio Vakalopoulos aus Jahrgang 13 sowie Professor Ernst-August Roloff, WG-Schüler von 1937 bis 1944, Lebens- und Leidenswege von Norbert (ursprünglich: Nathan) Regensburger, Bruno Mielziner und Otto Lipmann. Gemäß ihrer Hauptthemenstellung, bei der es nicht um ein möglichst vollständiges Auflisten letztlich oft belangloser Fakten, sondern um die Aufarbeitung solcher bislang vernachlässigter Punkte geht, die für ein Begreifen auch des eigenen Anteils am Gelingen von Hitlers Regime unerlässlich sind, fand die AG unter Anregung von Reinhard Bein und Frank Erhardt, des Leiters der Gedenkstätte Schillstraße, und unter maßgeblicher Beteiligung von Moritz Plate, der nach seinem Abitur am WG 2006 ein soziales Jahr in der Gedenkstätte absolvierte, im Schularchiv die Namen der drei ehemaligen jüdischen Mitschüler. Davor erinnerte die Schule offiziell einzig an die in den beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten unter ihren Schülern, und das mit zwei Mahnmalen in Aula und Remter, die den Krieg nicht etwa problematisieren, sondern teilweise sogar glorifizieren. Die AG befürwortet selbstverständlich die Erinnerung an die gefallenen Soldaten, jedoch nicht in der bislang offiziell praktizierten Einseitigkeit; andere ehemalige Mitschüler wie die zu Tode gekommenen Juden sollen allein schon aus Gründen eines möglichst objektiven Geschichtsbildes nicht weiter einfach unerwähnt bleiben.

Der Rechtsanwalt Norbert Regensburger erfuhr im April 1933 aus der Zeitung von seiner Entlassung aus seiner Kanzlei durch seine Kollegen und nahm sich daraufhin das Leben. Der namhafte Rechtsanwalt Bruno Mielziner tat dies im November 1937 nach dem Tod seiner Frau. Diese hatte er trotz ihrer tödlichen Krebserkrankung aus dem Krankenhaus abholen müssen, weil, wie er durch den Chefarzt belehrt wurde, es Juden verwehrt war, in einem deutschen Krankenhaus zu sterben. Und er musste die Todkranke selbst abholen; Krankenwagen fuhren für jüdische Bürger nicht. Otto Lipmann, auch er Jurist, verlor 1933 ‚nur’ sein Notariat, durfte aber als Rechtsanwalt weiter tätig sein, bis er am 10.11.1938, nach der so genannten ‚Kristallnacht’, verhaftet und zusammen mit seinem Bruder ins KZ Buchenwald deportiert wurde. Nach seiner Entlassung durfte er zwar wegen seiner Ehe mit einer Christin und selbst evangelisch getauft sich wieder in Braunschweig aufhalten, wurde aber im Februar 1945 erneut deportiert, diesmal ins KZ Theresienstadt. Von dort kehrte er zwar wiederum zurück, starb aber im August 1945 an Krebs.

Weil alle drei Juristen waren, fand die Präsentation zusammen mit der von Franz Schläger, Hugo Jondorf und Michael Wolfson durch Schüler der Gaußschule, der John-F.-Kennedy-Realschule sowie Professor Wettern von der TU Braunschweig im Amtsgericht statt, und zwar genau an dem Ort, wo zu Zeiten der Weimarer Republik das Parlament des Landes Braunschweig getagt hatte und unter anderem 1932 dem Österreicher Adolf Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen hatte. Der Präsident des Amtsgerichts, Wolfgang Zschachlitz, wies auf diese Koinzidenz hin. Die Präsentation der sechs Personen und ihrer Schicksale erfolgte exemplarisch beziehungsweise stellvertretend für den Leidensweg von Millionen; die ca. 200 Besucher des Abends zeigten sich beeindruckt und betroffen.

Zu erwähnen ist auch die musikalische Untermalung: neben einem Klezmer-Quartett von Musiklehrer Andric Engel, Friederike Hieber (Jg. 13), Folke Hieber und Moritz Dolle präsentierte ‚Schlagwerk total’ eine von Kai Altendorf und Sören Malik, ebenfalls Jg. 13, im Rahmen eines Kunst-Kurses von Rainer Jaeger komponierte Raum-Klang-Installation, die mit ihren Mitteln, unter anderem der Verwendung eines Stücks Metallschiene zur Erinnerung an die in Auschwitz angekommenen ‚Transporte’, das geschilderte schlimme Geschehen untermalte. (Die Raum-Klang-Installation ist übrigens als Text dokumentiert und auf CD aufgenommen.)

Eine letzte Bemerkung betrifft das ‚Schlussstrich-Denken’: Muss man sich mit dem Nationalsozialismus immer noch so gründlich beschäftigen? Kann das denn nicht mal aufhören, das ist doch schon so lange her? Haben wir das im Geschichtsunterricht nicht gründlich genug durchgekaut? Solche und ähnliche Fragen, die immer wieder in unserem Land zu hören sind, werden nicht allein Gestalter und Publikum des Abends sicher nicht mehr stellen. Auf unsere Information und Einladung zu dem Abend hin erhielten wir eine Antwort voller Dank für die Veranstaltung aus dem Ausland – viele überlebende Angehörige der ums Leben gekommenen Juden waren aus Nazi-Deutschland geflohen. Es dürfte wenigstens ein bisschen Genugtuung für diese Nachkommen sein, dass an ihre Vorfahren öffentlich wieder erinnert wird.

Allen Beteiligten sei für ihr selbständiges Engagement und ihre Beiträge an dieser Stelle herzlich gedankt. Die Verlegung der Stolpersteine wird am Freitag, 23.5.08, durch Herrn Demnig vorgenommen; alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen. Am Montag, 26.5., ist eine öffentliche Begehung geplant.

Weitere Projekte der AG

Mahnmal für die in den beiden Weltkriegen gefallenen WG-Schüler

Die AG, der es an Tätigkeitsfeldern nicht mangelt, lädt alle, Schüler, Lehrer, Eltern, Ehemalige oder einfach Interessierte, erneut zur Mitarbeit ein – gern auch wieder zeitlich begrenzt zu einzelnen Projekten. Momentan, bis zu Beginn der Osterferien, steht die Kommentierung der Mahnmale in Aula und Remter auf dem Programm. Danach werden wir uns um Persönlichkeitstafeln für die ehemaligen WG-Schüler Heinrich Jasper (mehrfach Ministerpräsident in Braunschweig in der Weimarer Republik und von Anfang bis Ende Demokrat; 1945 im KZ Bergen-Belsen umgekommen) sowie Friedrich Werner Graf von der Schulenburg (letzter reichsdeutscher Botschafter in der Sowjetunion, versuchte bis zuletzt, den deutsch-russischen Krieg zu verhindern; hingerichtet wegen seiner Kontakte zum Widerstandskreis ‚20. Juli’ im November 1944 in Berlin-Plötzensee) kümmern. ‚Persönlichkeitstafeln’ ist ein Projekt der Stadt, ein so genanntes ‚dynamisches’, d. h. jederzeit erweiterbares Denkmal für Braunschweiger, die sich überregionale Verdienste erworben haben.

Galerie der Schulleiter des WG im Gang zum Lehrerzimmer

Danach werden wir uns gründlich u. a. mit Karl Gronau, WG-Rektor 1924-46 und 1949-50 (nicht, wie die Tafel am Lehrerzimmer angibt, durchgängig von 1924-1950), und seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus auseinandersetzen. Für Jahrzehnte hat er das Bild der Schule geprägt, allerdings in einer Form, wie Uwe Lammers, Historiker an der TU Braunschweig, in einem im Internet veröffentlichten Artikel 2006 schreibt, die die offizielle Geschichtsschreibung der Schule bislang nicht adäquat dargestellt hat.

Wem fällt sonst etwas ein? Für Anregungen sind wir jederzeit dankbar. Wir treffen uns im Moment immer mittwochs um 16.30 im Hauptgebäude, z. Zt. in Raum 211. Wie schon bisher werden wir auch weiter Zeitzeugen und Experten (wie Professor Roloff oder Martin Grubert, der eine Biographie über Heinrich Jasper verfasst) zu unseren Treffen einladen. Herzlich willkommen!

Markus Schmitz

 

 

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