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Frau Möhle

Festrede zur Entlassung der Abiturientia 2012 am Wilhelm-Gymnasium

Eigensinn macht Spaß!

Habt Ihr, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dieses schon einmal erlebt?
Eigensinn macht Spaß!

Ihr schmunzelt, manche von Euch legen auch die Stirn in leichte Falten, wieder andere ziehen die Augenbraunen hoch.

Ihr habt es erlebt!
Eigensinn macht Spaß!
Ich sehe es an Euren Gesichtern.

Spaß hängt mit Freude zusammen, mit „sich freuen“, fröhlich sein. Das mögen wir alle gern, auch heute an diesem für Euch einmaligen Tag, dem letzten Tag Eurer insgesamt zwölfjährigen Schulzeit (für den einen war es vielleicht sogar ein Jahr weniger, für die andere ein Jahr mehr).

Ihr seid heute alle hier. Darüber freuen wir uns!

Unter Spaß können wir uns spontan etwas vorstellen. Spaß ist präsent in unserem Alltag. Spaß machen wir uns selber, Spaß wird für uns gemacht. Im Alltag und im Sprachgebrauch und in der Werbung. Es gibt Spaßbäder, Spaßmacher ebenso wie Spaßverderber, Spaßvögel, und seit den 1990er Jahren auch die Spaßgesellschaft.

Doch Eigensinn?

Wer von Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, hat schon einmal über den Begriff „Eigensinn“ nachgedacht?

„Eigensinn“: darin begegnen sich die Worte „eigen“ und „Sinn“ ganz nahe. Sie schmiegen sich aneinander, ganz eng, persönlich. Vielleicht zu eng? Was meinen Sie?

Es schwingen negative Empfindungen mit bei diesem Wort. Uns fallen Worte ein wie „Egoismus“. Ja, wer eigensinnig ist, der ist egoistisch. Oder Eigennutz. Eigennutz geht bekanntlich vor Gemeinnutz.
Oder auch Eigenwilligkeit und dieses verbinden wir oft mit Außenseitern. Wer eigenwillig ist, ist ein Außenseiter?

Per definitionem bezeichnet „Eigensinn“ eine Charaktereigenschaft, die durch Überbewertung der eigenen Meinung und Entscheidung bei gleichzeitiger Ablehnung der Hinweise anderer gekennzeichnet ist – anders formuliert: „Ein hartnäckiges Beharren auf einer Meinung oder Absicht - ohne den Rat anderer anzunehmen.“

Eigensinn macht Spaß?!,

liebe Anwesende:
Hinter diesem Satz stehen jetzt ein Frage- und ein Ausrufezeichen.

„Auf das richtige Maß kommt es an“, denken jetzt vielleicht die Männer unter Ihnen, die das tägliche Diskutieren mit den weiblichen Wesen in ihrem Umfeld und speziell in Familie und Beruf manches mal viel früher Leid sind, als die Damen selber.

Und wir Frauen, liebe Männer, wir denken jetzt vielleicht genauso…

Heute beendet Ihr Eure Schulzeit, liebe Abiturientinnen und Abiturienten. Eine lange Zeit, die Euch viele Jahre lang jeden Tag zu ähnlichen Abläufen verhalf.
Als Grundschüler führte Euch der Weg zumeist zu Fuß zur Schule, morgens um 8 Uhr (oder je nach Schule auch schon früher). Ihr habt Euch auf dem Schulhof versammelt oder in einer kleinen Pausenhalle Eurer wohnortnahen Lehranstalt. Das Klingeln oder das Rufen der Lehrerin holte Euch in den Unterricht. Mittags um 13 Uhr war der Schultag vorbei; die Hausaufgaben waren noch übersichtlich und Ihr wurdet von Euren Eltern begleitet und unterstützt.

Ihr ward dann der erste Jahrgang, der im Jahr 2004 nach endgültiger Abschaffung der Orientierungsstufe in Niedersachsen als Fünftklässler im Wilhelm-Gymnasium aufgenommen wurde.
Der Schulweg wurde für die meisten von Euch länger, ein Schultag ebenso, die Klassenstärken nahmen zu, Ihr hattet mehr Lehrerinnen und endlich auch Lehrer, viele neue Klassenkameraden und insgesamt viel mehr Mitschüler als an der Grundschule, es gab ein großes AG-Angebot und Ihr verbrachtet viel mehr Zeit in der Schule.

Jede und jeder von Euch musste und durfte seinen Weg ganz individuell finden und mit gestalten:
Diese oder jene Sprache wählen, Naturwissenschaften hinzu- oder abwählen, an Austauschprogrammen teilnehmen, musikalisch mitwirken, Projekte unterstützen, sich im Schülerrat engagieren.

Euer bewusster Weg, Euch – mehr und mehr –  selbst zu finden, begann.
Jede und jeder von Euch musste dieses ganz individuell tun und schließlich auch für sich selber stehen.

Doch wie findet man sich selbst?
Haben Sie, liebe Anwesende, schon einmal darüber nachgedacht?

Lassen Sie es uns gemeinsam tun.
Dazu zitiere ich ein Stückchen Hermann Hesse, der mich mit seinem großartigen Lebenswerk, das weltweit das meistgelesene und in 60 Sprachen übersetzte deutsche Literaturwerk des 20. Jahrhunderts ist, begeisterte, als ich so alt war wie Ihr jetzt, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, und das mich bis heute immer wieder fasziniert. Im August 2012 wird übrigens der 50. Todestag des Nobelpreisträgers mit vielen besonderen Veranstaltungen weltweit gefeiert.

Ich zitiere:

„Es gibt für Jeden keinen andern Weg der Entfaltung und Erfüllung als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens: „Sei Du selbst“ ist das ideale Gesetz, zumindest für den jungen Menschen, es gibt keinen andern Weg zur Wahrheit und zur Entwicklung. Dass dieser Weg durch viele moralische und andere Hindernisse erschwert wird, dass die Welt uns lieber angepasst und schwach sieht als eigensinnig, daraus entsteht für jeden mehr durchschnittlich individualisierten Menschen der Lebenskampf. Das muss jeder für sich allein, nach seinen eigenen Kräften und Bedürfnissen, entscheiden, wieweit er sich der Konvention unterwerfen und ihr trotzen will. Wo er die Konvention, die Forderungen von Familie, Staat, Gemeinschaft in den Wind schlägt, muss er es tun mit dem Wissen darum, dass es auf seine eigene Gefahr geschieht. Wie viel Gefahr einer auf sich zu nehmen fähig ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab. Man muss jedes Zuviel, jedes Überschreiten des eigenen Maßes büßen, man darf ungestraft weder im Eigensinn noch im Anpassen zu weit gehen.“

Hesse lenkt unsere Blicke, Ihre, sehr verehrte Anwesende, eingeschlossen, in der zitierten Textpassage seines Lesebuches „Eigensinn macht Spaß, Individuation und Anpassung“ (Inseltaschenbuch, 2002) auf zwei wichtige Erkenntnisse:

  1. „Sei Du selbst!“ – Wahre Deine Authentizität.

  2. „Halte Maß!“ Weder der Eigensinn noch die Anpassung dürfen zu überheblich werden.

Während Eurer Schulzeit wurden Euch, liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten, viele Grenzen gesetzt: durch Kerncurricula und Klassenstärken, durch Profile und Pflichtveranstaltungen, durch Zeitbegrenzungen und Zensuren.

Was jede und jeder von Euch nun am heutigen Tage neben dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife aus dieser Schule mitnimmt, wisst Ihr selbst am besten.

Es ist wie ein kleiner Schatz, den Ihr Euch angelegt habt und von nun an mit noch größerer Freiheit und bei stets wachsender Verantwortung bewahren dürft und weiterhin mehren werdet.

Als ich vor 26 Jahren, im Juni 1986, in der Aula des WG im Hauptgebäude gemeinsam mit meinem Jahrgang auf die Entgegennahme meines Abiturzeugnisses wartete, war ich vor allem eins: stolz!
Da war es mir auch gleich, inmitten einer bunten „Zwangsgemeinschaft“ von Mitschülerinnen und Mitschülern zu sitzen, im Bewusstsein, dass ich manche sehr lieb gewonnenen hatte – und sich unsere Wege nun trennen würden– und dass mir andere, auch nach neun gemeinsamen Orientierungsstufen- und Gymnasialjahren, ziemlich egal waren. In diesem Moment habe ich nur an mich und meinen persönlichen Erfolg gedacht.
Ich hatte ein gutes Abiturzeugnis, das meine erbrachten Leistungen im Großen und Ganzen adäquat widerspiegelte: mit sehr guten Leistungen und Noten in den Fächern, die mir Spaß gemacht hatten (und aus meiner Wahrnehmung mit Freude vermittelt wurden) und mit eher schlechten Noten in den Fächern, die mir damals keine Freude bereiteten, denen ich mich sogar zum Teil verweigert hatte.
Es war meine Einstellung, die meine Freude am Wissenszuwachs in vielen Fächern blühen ließ. Es waren Personen, die mich faszinierten und mich mitnahmen in die Welt, die sie selber faszinierte und die mir neue Welten öffneten.

Ich studierte Germanistik und Pädagogik, gründete eine Familie und lerne heute selber noch ebenso gerne wie ich unterrichte und Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg begleite. Dabei ist es mir am wichtigsten, Individualität zu finden, wert zu schätzen und zu fördern.
Gute Erfahrungen habe ich gemacht, mich auf Neues einzulassen und mir Vorbilder zu suchen.
Diese suche ich in allen Bereichen und lasse mich auch gern einmal „belehren“: von Wissenschaftlern, Handwerkern, jungen und älteren Menschen, Schulfreunden, Familienangehörigen, gerne auch von Kindern und Jugendlichen, von Schülern, von „Spezialisten“ und „Liebhabern“ ihres Fachgebiets – mittlerweile  von Personen, die um das gesamte Erdenrund herum verteilt sind. 

In der Diskussion mit diesen Personen merke ich es immer wieder:

Eigensinn macht Spaß! –

Unsere Individualität bleibt dadurch erhalten.
Wir verfallen nicht der Bequemlichkeit und eingefahrenen Denkmustern und wir sind gezwungen, uns immer wieder mit uns selbst und anderen auseinanderzusetzen.
Ein ständiger Weg und Suchens und Findens.
Und des Träume Habens.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es liegt bei Euch, Eure eigenen Kriterien  zu setzen. Diese solltet Ihr Euren eigenen Bedürfnissen und vielfältigen Begabungen anpassen – seid mutig mit Euch bei der Studien- und Berufswahl, auf Euer Interrailtour, Eurer erträumten Weltreise oder der bevorstehenden Urlaubsfahrt, im FSJ, FÖJ oder im Bundesfreiwilligendienst als „Bufdi“, am Praktikumsort im Inland oder als Au Pair im Ausland.
Lasst Euch nicht entmutigen, lasst Euch nicht gleichmachen.

Bleibt so, wie ich Euch wahrgenommen habe in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften und bei Theateraufführungen oder Schulbällen, als Sieger in Wettbewerben, als Sportler, beim Street-Soccer-Turnier beim Sommerfest und zuletzt bei den Vorbereitungen Eures Balls heute Abend in der Stadthalle:

Individuell, ideenreich und interessiert!

Und weil Eigensinn Spaß macht, schließe ich mit dem Dank an Herrn Thamm van Balen für diese ehrenvolle Einladung an mich, heute hier eine Rede halten zu dürfen,

mit einem herzlichen Dankeschön an das gesamte Kollegium,  an den Koordinator, die Tutoren und die Fachlehrer, die alle diesen Jahrgang engagiert bis zum heutigen Tage begleitet haben,

mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für den heutigen Festtag an Sie und Euch alle sehr verehrte, liebe Anwesende, besonders an die silbernen und goldenen Abiturientien aus den Jahren 1987 und 1962 sowie alle anderen hier anwesenden Ehemaligen und mit einem Extragruß an meinen Sohn Jens-Erik, der dort vorne inmitten der Abiturientia  sitzt (mit einer Sommergrippe und hohem Fieber.)

Herzliche Glückwünsche zur bestandenen Abiturprüfung Euch allen!

Lasst uns den heutigen Tag gemeinsam genießen!

 

Antje Ute Möhle geb. Dierks
(Abiturjahrgang 1986 am WG)

 

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