Home Berichte 2012 Januar - Juli

„Frau Müller muss weg …“ – oder nicht?!

Elternabende gehören zum schulischen Alltag ebenso wie Pausen, Projekttage und Prüfungen. Jedoch können Elternabende eine ganz besondere, sehr eigene Dynamik entwickeln: Dies zeigt anschaulich, geradezu erschreckend real, zum Glück mit einer gehörigen Portion Humor die Komödie „Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner. Gezeigt wird „Frau Müller“ derzeit  im Kleinen Haus des Staatstheaters. Die Nachfrage nach Karten ist groß. Frühzeitiges Bemühen bei Interesse nötig!

90 Minuten lang tobt sich eine kleine, fünfköpfige Abordnung von Eltern aus einer 4. Klasse geradezu hysterisch in einem, ja, leider in seiner Ausstattung typisch deutschen Klassenzimmer aus: kühles Licht, das erst nach mehrmaligem kräftigen Betätigen des Schalters langsam zu flackern beginnt, während von der Decke der Staub rieselt, kahle Wände und dennoch liebevolle kindliche Spuren eines Herbstprojektes in diesem Raum.
Zwei Männer und drei Frauen sind als Eltern gekommen, um Frau Müller, der Lehrerin der Sprösslinge beim Elternabend den Kampf anzusagen: So geht das schließlich nicht! Die Noten der lieben Kleinen haben sich dramatisch verschlechtert, da wird nicht nach Gründen geforscht, sondern die vermeintlich Schuldige an die Wand gestellt. Sie soll „abgesägt“ werden und zwar sofort. Schließlich gefährdet diese Frau die gesamte Zukunft der nachwachsenden Gesellschaft, vor allem natürlich die des eigenen Kindes. Und da steckt schließlich Talent drin! Das sieht diese Frau nur nicht: trotz  Studium, 19 Jahren Berufserfahrung, spürbar pädagogischem Geschick und vor allem: Liebe zu ihrem Beruf und zu den ihr anvertrauten Schützlingen, ihren Schülerinnen und Schülern. Sie ist und bleibt unfähig, wenn man sieht, wie drastisch sich die Leistungen fast aller Viertklässler gerade jetzt, kurz vor dem Übergang in die weiterführende Schule, verschlechtert haben. Also muss Frau Müller weg - oder nicht?!

In diesem Alltagsstück werden auch reichlich Klischees bedient, der Ossi-Wessi-Konflikt scheint nach fast 23 Jahren Wiedervereinigung noch immer ein Problem zu sein, Hausfrauen und Arbeitslose stehen den mehr als ausgelastet wirkenden Vertreterinnen und Vertretern der in der freien Wirtschaft versierten und tätigen Bevölkerung gegenüber.

Das Stück überzeugt durch den Wandel der gespielten Charaktere.
Wie viel Solidarität gibt es wirklich in unserer Gesellschaft? Wer solidarisiert sich wann mit wem und aus welcher Intention?
Warum schafft unser deutsches Schulsystem überhaupt die dargestellte Situation?
Welche Maßstäbe setzen wir uns und unseren Kindern und welche werden uns gesetzt? Von uns als Eltern und Pädagogen, aber auch von den Schülerinnen und Schülern selbst und nicht zuletzt durch unsere Politiker.

Bestimmt allein der Numerus Clausus über das Gelingen von Zukunft?

Fragen, über die unsere Gesellschaft gemeinsam nachdenken sollte. Vieles wird vorgedacht: von einer überzeugenden Frau Müller und 5 exemplarisch geschaffenen Eltern, die ihre eigene Befriedigung in den Schulnoten ihrer Kinder zu finden versuchen und da gerne auch mal ihre Fähnchen nach dem Winde drehen.
Die Schlusspointe ist von Lutz Hübner mit einem Augenzwinkern gesetzt und lässt Raum zum Weiterdenken.  
Ich empfehle, Stammtische, Elternabende, Schulelternratssitzungen oder eine Gesamtkonferenz ins Kleine Haus zu verlegen und „Frau Müller muss weg“ gemeinsam zu erleben, um dann zu reflektieren. Auch geeignet für all diejenigen, die sich nur dann über ein Abiturzeugnis freuen, wenn der erhoffte NC stimmt…

Antje Ute Möhle, 7.5.2012

 

„Frau Müller muss weg“ im Spielplan des Staatstheaters Braunschweig

 

zurückblättern | Seitenanfang | Sitemap | Impressum