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Rede zur Abiturfeier am 30.Juni 2006

gehalten von Joachim Vahrmeyer Pfarrer an St. Katharinen zu Braunschweig, Abiturient von 1966

 

Liebe Abiturienten, liebe Eltern,
sehr geehrter Herr Direktor,
sehr geehrtes Lehrerkollegium,

da habe ich also vor 40 Jahren Abitur gemacht. Aber ich ging nicht glücklich nach Hause. Denn mit Mühe hatte ich es bestanden. Ich war zur mündlichen Prüfung zu spät gekommen, daher war ich so schockiert, daß der Schock wohl die fünf in Latein bewirkte. Englisch knapp vier. Beide Prüfer, Oskar Hentschel und Klaus Harnisch hatten sehr mitgelitten.

Aber ich muß es zugeben: Ich war zeit meines Lebens ein schlechter Schüler, nicht nur in Sport. Meine Eltern waren mit ihren vier Kindern schulisch leidgeprüft. Das wurde mir merkwürdigerweise durch meinen Vater nach seinem Tod noch einmal völlig klar gemacht. Als er 1984 starb, hatten meine beiden älteren Brüder und ich die Aufgabe, seinen geheiligten Schreibtisch zu öffnen, um an die wichtigen Papiere und Policen für meine Mutter zu gelangen. Da mein Vater genau gewußt hatte, daß er bald sterben würde, - er war Arzt - hatte er sein Haus bestellt. Als wir die entscheidende Schublade öffneten, lag alles ordentlich an seinem Platz. Aber merkwürdigerweise lagen auf einem der Stapel mit Versicherungspolicen 2 Briefe, Din a5, einfaches Schreibpapier. Oben links ein Stempel: Wilhelm Gymnasium. Darunter ein handgeschriebener Brief an meinen Vater aus dem Jahr 1958 von Klassenlehrer Grupe:

"Sehr geehrter Dr. Vahrmeyer, leider muß ich Ihnen als Klassenlehrer Ihres Sohnes Joachim mitteilen, daß Joachim seit unserer letzten Unterredung nicht weniger als 7 mal ins Klassenbuch eingetragen wurde, Täuschungsversuch, Störung des Unterrichts usw. Ich habe Joachim bereits eindringlich verwarnt."

Zu unserem großen Erstaunen war der 2. Brief ähnlichen Inhalts, allerdings mit Schreibmaschine geschrieben:

"Nachdem ihr Sohn bereits im Sommerhalbjahr wiederholt wegen Störung des Unterrichts" usw usw, "ist er seit den Herbstferien schon wieder dreimal ins Klassenbuch eingetragen worden."

Darum die Erziehungsmaßregel: "Schriftliche Verwarnung" mit Androhung schärferer Strafen.

Trotz unserer Trauer über den Tod meines Vaters haben wir sehr lachen müssen. Mein Vater hatte mich also über seinen Tod hinaus an meine Lausbubenstreiche in der Schulzeit erinnert.

Warum erzähle ich das? Damit Sie nicht denken, hier stünde ein ehemaliger guter Schüler vor Ihnen. Aber dieses Wissen um meine 'hervorragenden' schulischen Leistungen hat mich im Studium davor bewahrt, hochmütig zu sein. Ich wußte durch meine Schulzeit, daß mir im Leben nichts zufallen würde und darum habe ich mich im Studium von Anfang an auf den Hosenboden gesetzt. Und wie sie sehen, ist aus mir etwas halbwegs Vernünftiges geworden. Und darum möchte ich ihnen Mut machen, auch den Eltern und vor allen Dingen den Lehrern. Nichts ist entschieden mit der Schulzeit. Jetzt erst geht die Saat auf. Jetzt geht es erst richtig los.

Als ich von der Schule ging, schwor ich mir, niemals zu sagen, daß ich gern zur Schule gegangen bin. Das bin ich wahrhaftig nicht. Ich denke an all die Ängste, habe ich eine fünf geschrieben oder ist es noch eine Vier, bleibe ich sitzen oder nicht, bekomme ich einen blauen Brief oder nicht, früher kam der blaue Brief ausgerechnet zu Weihnachten. Ich bin entfernt davon zu sagen, diese Leiden seien nichts gegenüber den späteren Leiden. Sie prägen uns mehr als wir denken, und insofern ist die Schule auch in dieser Hinsicht eine Schule fürs Leben:

Die Erfahrung der eigenen Grenzen, der Schwächen neben den Stärken, der Gruppenzwang in der Klasse, sich in seiner Verantwortung verstecken in der Masse, das Quälen der Schwächeren, das Denunzieren eines Schülers, aber auch umgekehrt das Kujonieren durch einen Sportlehrer, das Fertigmachen eines Schülers vor der Klasse, ohne zu fragen, was im Hintergrund geschieht, das lustvolle Absägen von Schülern, das Festlegen von Schülern auf ihre Leistungen, als gäbe es nichts anderes. Aber auf der anderen Seite auch die Gemeinheit von Schülern gegenüber Lehrern, das Fertigmachen von Lehrern, die schwach waren und dann genüßlich vorgeführt wurden, das alles habe ich in dieser Schule erlebt.

Aber das ist ja beileibe Gottseidank nicht das Einzige. Als ich über diese Rede nachdachte, fiel mir der heute wieder zu neuen Ehren gekommene Roman von Wilhelm Raabe ein: "Pfisters Mühle". Darin erzählt ein frischgebackener Ehemann seiner jungen Frau von dem Niedergang eines Ausflugslokals, das seinem Vater gehörte. Ein nahe vorbeifließender kleiner Fluß war durch die Abwässer einer naheliegenden Zuckerfabrik zur stinkenden Kloake geworden und durch den Gestank blieben die Gäste weg. Der erste Umweltroman. Der Ehemann erzählt von den guten alten Zeiten, so wie ich Ihnen heute von den alten Zeiten erzähle. Bilder erstehen vor unseren Augen, Schicksale, Leiden, Freuden, tragische Ereignisse, Geschichten von mir, Geschichten der Mitschüler und Lehrer. Beim Hören der alten Geschichte von Pfisters Mühle wird im Roman die Frage gestellt: Wo bleiben alle diese Bilder? Wilhelm Raabe reflektiert weiter: Wo bleiben alle diese Eindrücke der Menschen, die Leiden, die Freuden, die Prägungen, die tiefgepflügten Verletzungen der Seele, die Menschen mit ihren unzähligen Geschichten und Schicksalen. Wo bleiben alle die Bilder unserer Vergangenheit, die zu unserem gehören und uns prägen noch immer? Wo bleiben all die Bilder, auch dann, wenn unsere Erinnerung sie nicht mehr festhalten kann.

Da denke ich nun an so viele gute Bilder, die eigentlich in einer Art Dauerausstellung hier hängen müßten: Der gute Lehrer Dr. Säuberlich, mit seiner wunderbar glänzenden Glatze, ein hochgebildeter Mensch, von tiefer Güte, ein ehemaliger Museumsdirektor, der aus der DDR geflohen war, bestimmt ein geschlagener Mann, der uns aber doch so viel beigebracht hat im Deutschunterricht und dessen Menschlichkeit leuchtete. Ich denke an unseren geliebten Lateinlehrer Hentschel, der mit großem inneren Engagement versuchte, uns die Schönheit des Lateinischen zu vermitteln, bei Ovid ist es ihm bei mir gelungen - Seine Persönlichkeit prägte uns, seine Begeisterung für die Sache, sein ungeheures Wissen um die alteuropäische Kultur in allen Bereichen. Ich denke an Dr. Loock, den seine Begeisterung für die Dichtung so davontragen konnte, so daß wir manchmal zurückblieben. Aber wir lernten durch ihn, wie Dichtung beglücken kann. Ständig war dieser Lehrer umgetrieben von großen Fragen, auf die er keine Antwort fand. Durch ihn haben wir das Fragen gelernt, und das ist der Grundstock zur Bildung. So etwas hielt vor, auch später, wenn Einzelheiten längst vergessen waren. Ich denke an den jungen Studienassessor Krause, auch Latein, witzig, schlagfertig, gerecht, ja gerecht bis aufs Blut. Und die Großmäuler kamen bei ihm nicht durch. Ich denke an den gütigen, immer etwas zerstreut wirkenden - wir nannten ihn Paule Knackstedt, Chemielehrer, er hatte die ganze Schule in Chemie, H2SO4 für Schwefelsäure, das weiß ich noch und "Wasser auf Säure ist nicht geheure, Säure auf Wasser, das geht schon basser". Er brachte oft Klassen bei der Fülle der Klassen die er zu unterrichten hatte, die Klassen durcheinander, das war witzig, wenn er die Schüler der anderen Klasse zum Prüfen aufrief, und die Schüler waren nicht da. Mir versuchte er klar zu machen, daß die Lehre von der Seele des Menschen wissenschaftlich widerlegt sei. Das sei unsinniger Glaube. Die Seele als einen philosophischen Begriff hatte er offensichtlich noch nicht kennengelernt. Er war ein Atheist und zugleich menschenfreundlich und gütig. Ich denke an Charly Dietz, wahrscheinlich hieß er mit Vornamen Karl, erst Latein, dann Physik, ein Priester, der verheiratet war, der auch immer versuchte, über sein Fach hinaus uns zum Fragen anzuleiten. Wer ist alles zu nennen stellvertretend für die Lehrer, die uns gebildet haben, nicht allein mit ihrem Fach, sondern mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Denken, ihrer Art, wie sie mit uns umgingen, ihrer Leidenschaft für die Schüler? Dr. Lehne, der uns aufgab, in vier Wochen ein Gedicht unserer Wahl auswendig zu lernen und dann wurde zu Beginn jeder Deutschstunde ein Gedicht aufgesagt. Jeder kam dran, und die ulkigsten und spannendsten, aber auch die kürzesten Gedichte wurden vorgetragen. Er hat mich zum Gedichtelesen und Auswendiglernen gebracht.

Er hieß mit Spitznamen Würstchen. Wenn er den ersten Aufsatz wiedergab, erklärte er uns seine Zeichengebung am Rand und schrieb das Wort "Würstchen" an die Tafel. Wenn die Ü Strichelchen fehlten, ein Z am Rand: Zeichenfehler, Würstchen mit H, ein R am Rand: Rechtschreibfehler. Und, so sagte er, wenn ich das ganze Wort unterstreiche und ein F an den Rand schreibe, heißt das Formfehler, denn richtig heißt es: Dr. Lehne.

Wo bleiben all die Bilder, die Charaktere, die Schicksale, die Lehrer, die es mit uns schwer hatten oder wir mit ihnen? Wo bleiben alle die Bilder, auch der Mitschüler? Ich könnte Ihnen stundenlang merkwürdige Geschichten von Wolfgang Joop, dem späteren Modeschöpfer erzählen. Ich lasse das lieber. Aber ist das alles einfach vorbei, wenn die Erinnerung vorbei ist?

Ich denke an unseren Englischlehrer Harnisch. Als er zum ersten Mal in die Klasse kam, dachten wir: Was will denn dieser kleine Knirps bei uns. Seine Aktenmappe schien größer als er. Aber in kürzester Zeit hatte er durch seine Schlagfertigkeit, durch seinen Fleiß, durch sein Wissen, seinen Humor und seinen Witz uns alle auf seine Seite gebracht. Freude hatte er an meinem Englisch bestimmt nicht. Aber das war's auch gar nicht. Er hat mir zum ersten Mal beigebracht, daß jede Sprache anders denkt, im wahrsten Sinne des Wortes anders denkt und darin die vielen Probleme im Dolmetschen bestehen. Ich fürchte, daß viele Streitigkeiten unter europäischen Politikern Sprachprobleme sind.

            Wo bleiben alle diese Bilder? Ich meine das sehr ernst. Wo bleibt die Gewichtigkeit des Menschen, wenn alles vergeht wie ein Hauch, auch unsere Erinnerung? Wie dichtet Andreas Gryphius:

 

Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,

ein Ball des falschen Glücks, ein irrlicht dieser Zeit,

Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid

Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen

 

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.

Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid

Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit

Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.

 

Wo bleiben all die Bilder unseres Lebens? Wir haben kein Magazin wie ein Museum, in dem die Bilder lagern. Unser Leben wird nicht aufgehoben im Gedächtnis der Menschen, das glaube nur keiner. Wer's dennoch glaubt, der versuche einmal, sich an seinen Urgroßvater oder -mutter zu erinnern. Diese sehr ernste Frage hängt unmittelbar mit unserem Verständnis von Würde und Ehre des Menschen zusammen. Wenn alles einfach vergeht und verschwindet, dann ist auch alles bedeutungslos und ohne Gewicht, was wir erlebt und gedacht, was wir getan und erlitten haben, wo wir uns gemüht und gekämpft haben, wo wir Erfüllung fanden und Freude. Wenn es so ist, wie es schon Menschen 200 Jahre vor Christus dachten:

"Unser Leben fährt dahin, als wäre nur eine Wolke gewesen, und zergeht wie Nebel, der von den Strahlen der Sonne verjagt wird. Unsere Zeit geht vorbei wie ein Schatten" (Sapientia Salomonis Kap.2,4),

wenn es wirklich so ist, dann verliert all unser Weben und Wesen seine Tiefe und bleibende Wahrheit. Dann ist auch die Frage, ob ich ein guter Mensch oder ein mieser Kerl bin, obsolet, die Frage nach menschlich und unmenschlich erledigt. "Wer hat schuld, wenn die Katze die Maus frisst? Man soll mir nicht von Humanität faseln", sagte Hitler. Denn am Ende ist sowieso alles aus. So dachten Hitler und Stalin.

 

Der Bestienblick, die Sterne als Kaldaunen

Der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,

Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen

Hinab den Bestienschlund.

 

So beschreibt Gottfried Benn das "Verlorene Ich". Und wir, die wir fragen, wo denn all die Bilder bleiben unseres Lebens, des Lebens unserer Angehörigen, merken, wie wir ratlos sind. Es ist ja schön, all die Erinnerungen zu haben, vielleicht darin zu schwelgen, aber was trägt es aus? Wo bleibt das Gewicht, die Bedeutung, der Sinn? Wir sehen, wie die alten Muster, die alten Gewißheiten verloren sind. Gott, wer oder was ist das schon? Längst erklärt als menschliches Gedankenprodukt. Projektion der menschlichen Wünsche an den Himmel, so Ludwig Feuerbach. Gott, eine große Illusion des noch nicht erwachsen gewordenen Menschen, so Sigmund Freud. Gott, ein Trick der schwachen Menschen, die Starken durch Moral zu binden, aber im Grunde nichts, so Nietzsche. Und so sind wir hilflos geworden und wissen nicht mehr, wo die Bilder unseres Leben bleiben. Noch einmal Gottfried Benn:

 

Die Welt zerdacht, in Raum und Zeiten,

und was die Menschheit wob und wog,

Funktion nur von Unendlichkeiten -

Die Mythe log.

 

Woher wohin - nicht Nacht, nicht Morgen,

kein Evoe, kein Requiem,

du möchtest dir ein Stichwort borgen,

allein bei wem?

 

Ich hoffe, daß klar geworden ist: Hier geht nicht um ein Jenseits, in das sich die Christen oder die Religiösen flüchten, damit sie es schön haben und sie sich wegträumen können aus der Welt. Sondern es geht um das Gewicht des Menschen, ob er einfach Biomasse ist mit einem etwas merkwürdigen Bewusstsein, oder eine Person, mit Würde und Freiheit behaftet; ob alles gleich gültig ist und letztlich viel 'Lärmen um Nichts' oder ob die Bilder der Menschen, auch der, die uns gefördert und geholfen haben, die Bilder der Menschen, die uns erschreckt haben in ihrem leichten Sinn, ob überhaupt etwas mit unserem Leben auf dem Spiele steht, wobei dieses Spiel entweder sehr ernst ist oder ein lächerliches Spiel. Daß es ein sehr ernstes Spiel ist, sehen wir an unserer Angst und Sorge um unser Leben. Sie signalisieren zumindest, daß es so leicht nicht zu nehmen ist. Die Frage nach dem Menschen, um den wir uns sorgen und ängsten, ist aber zugleich die Frage nach einer bleibenden Wahrheit, die uns leitet und in der alle die Bilder unseres Lebens aufgehoben, geborgen sind. Das ist die moderne Frage nach Gott. Wo hat der Mensch sein Bleibendes und seine Wahrheit. Daran hängt unmittelbar die Frage nach dem, was wahrhaft menschlich ist, weil erst dann, wenn der Mensch sich in einer bleibenden Wahrheit wieder findet, die Frage nach dem wahrhaft Menschlichen ins Ernste gerät.

Die christliche Antwort, ich gebe es zu, ich bin Pfarrer, auf diese Frage mag offenbart sein in diesem Jesus von Nazareth. Der versuchte zu enthüllen, daß in der Begegnung mit einem Menschen diese nicht greifbare, transzendente Wahrheit aufscheinen kann, etwa im Mitleiden mit einer Person, wenn uns in der Tiefe des Leides die Unermeßlichkeit und Größe des Lebens aufgeht. Oder in der Freude über ein neugeborenes Kind, wenn wir fassungslos dieses Menschenwesen wahrnehmen und nicht begreifen, daß hier eine Person entsteht, die wie wir selbst ist. Oder in der Forderung des Lebens selbst nach Fürsorge und Liebe, wo wir an uns selbst nicht vorbeikommen und das Gewissen schlägt. Es lohnt sich, dieser Frage nach der Menschlichkeit des Menschen nachzugehen. Es könnte sein, daß wir auf diese Weise die Frage nach Gott neu buchstabieren lernen und möglicherweise uns aufgeht, wo alle diese uns bewegenden Bilder des Lebens bleiben.

 

 

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