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Predigt zum Abi-Gottesdienst 2010

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Verwandte und Freunde unserer Abiturienten, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Komm Abi, wir gehen!

Endlich – lang ersehnt – ist es nun heute da: das Abi. Ihr werdet es mit großer Erleichterung und Freude begrüßen: Geschafft!!! Manche mit letzter Kraft und noch Nachprüfungen in der letzten Woche, die meisten seit der Zensurenverkündung Anfang des Monats schon recht entspannt und gelöst und inzwischen gut partyerprobt.

Komm Abi, wir gehen!

Das Motto deutet an, dass ihr schon auf dem Sprung seid, gedanklich schon beim nächsten Schritt, bei den Wegen, die ihr nun beschreiten wollt.

Und doch gehen bestimmt nicht nur am heutigen Tag eure Gedanken auch zurück: zu den Wegen eurer Schulzeit. Einige dieser Wege haben wir ja vorhin vor Augen geführt gekommen: Wie oft seid ihr über den Zebrastreifen vor der Schule, wie oft durch die Schultür gegangen: mal geschritten, mal gelatscht, mal im Eiltempo gesprintet, um noch vor dem Lehrer in der Klasse zu sein. Wie oft habt ihr euch in die Schlange in der Mensa eingereiht. Oder habt im Klassenzimmer gesessen, mal mehr interessiert, mal mehr gelangweilt. Oder seid mehr oder weniger graziös über den Schwebebalken balanciert. Und dann sind da natürlich die besonderen Wege nebst entsprechendem Schuhwerk: sei es eine Klassenfahrt und der Schulball, oder oder.

Wichtiger noch als diese sichtbaren Wege werden die inneren Wege sein, die ihr hier in den letzten Jahren zurückgelegt habt. Das, was ihr gelernt habt – im offiziellen und im inoffiziellen Lehrplan. Das, was euch wichtig geworden ist, prägende Erfahrungen: Freundschaften, gegenseitige Wertschätzung, Erfolge, durchstandene Konflikte (ihr habt es untereinander ja nicht immer ganz leicht gehabt) und überwundene Schwierigkeiten, Unterstützung, die ihr erfahren habt, Wegbegleitung. All das, was euch zu denen hat heranwachsen lassen, die ihr heute seid.

Inzwischen seid ihr endgültig den Kinder- und Jugendschuhen entwachsen, seid zu Persönlichkeiten gereift, die sich nun – hoffentlich mit dem passenden Schuhwerk und auch ansonsten gut gerüstet – auf den weiteren Weg machen.

Komm Abi, wir gehen.

Für manche von Euch liegt dieser weitere Weg recht deutlich vor Augen. Ihr wisst jedenfalls schon mal, welche Schuhe ihr braucht: eher die Pumps für's Geschäftsleben, oder die Wanderschuhe für's work and travel. Viele sind allerdings noch auf der Suche: Soll ich nun studieren oder lieber doch nicht? Und wenn ja: Welches Studienfach ist denn nun das Richtige für mich? Und wofür reicht überhaupt mein Zensurenschnitt? Wo werde ich später Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben? Im Dschungel der Möglichkeiten fällt es nicht leicht, für sich den richtigen Weg zu finden.

Mir ist eine Geschichte von Eckard von Hirschhausen in die Hände gefallen, die ich weitergeben möchte, weil sie – so finde ich – gut zu dieser Situation passt:
Er erzählt in dieser Geschichte von einer Kreuzfahrt, für die er als Moderator engagiert war, und bei der er sich aus den unterschiedlichsten Gründen vollkommen fehl am Platz gefühlt hat. Bei einem Landgang besucht er einen Zoo und dort kommt es zu einer Begegnung mit einem Pinguin, die ihn zu weitreichenden Gedanken veranlasst.

Er erzählt: Als ich den Pinguin da auf seinem Felsen stehen sah, hatte ich Mitleid: „Na, musst du auch Smoking tragen? Wo ist eigentlich deine Taille? Und vor allem: hat Gott bei dir die Knie vergessen?“ Mein Urteil stand fest: Eine ziemliche Fehlkonstruktion.

Dann sah ich noch einmal durch eine Glasscheibe in das Schwimmbecken der Pinguine. Und da sprang „mein“ Pinguin ins Wasser, schwamm dicht vor mein Gesicht. Wer je Pinguine unter Wasser gesehen hat, dem fällt nix mehr ein. Er war in seinem Element! Ein Pinguin ist zehnmal windschnittiger als ein Porsche! Pinguine sind wirklich hervorragende Schwimmer, Jäger, Wasser-Tänzer! Und ich dachte: „Fehlkonstruktion!“

Zwei Schlussfolgerungen zieht Eckard von Hirschhausen aus dieser Begegnung: Erstens: Man sollte nicht vorschnell über jemanden urteilen, weil man damit komplett daneben liegen kann. Und zweitens: wie wichtig das Umfeld ist, ob das, was man gut kann, überhaupt zum Tragen kommt.

Ich möchte im Blick auf euch hinzufügen: Wie wichtig ist es, seinen eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten und Interessen, seinem inneren Kompass zu folgen, damit man nicht als Pinguin im Urwald landet, nur weil man fremden Idealen und Vorstellungen von einem vermeintlich lukrativen und erfolgreichen Leben hinterherläuft, das vielleicht gar nicht zu einem selbst passt.

Was sagt Hirschhausen: Wenn du als Pinguin geboren wurdest, machen auch sieben Jahre Psychotherapie aus dir keine Giraffe. Also nicht lange hadern: Bleib als Pinguin nicht in der Steppe. Mach kleine Schritte und finde dein Wasser. Und dann: Spring! Und schwimm! Und du wirst wissen, wie es ist, in Deinem Element zu sein.

Das ist etwas, was ich euch für euren weiteren Weg wünsche, egal wohin er führt: dass ihr euren Weg findet, nicht nur den ausgetretenen Pfaden folgt, oder mit der Masse schwimmt. Und wenn ihr ihn gefunden habt, dass ihr dann auch den Mut habt, ihm zu folgen. Dass ihr euch selbst auf diesem Weg treu bleiben könnt und nicht verbiegt – wie auch immer eure Lebensplanung aussieht und ob sie gelingt oder nicht.

Jeder von euch ist einzigartig in seiner Persönlichkeit mit persönlichen Begabungen und Fähigkeiten der unterschiedlichsten Art, mit Träumen und Wünschen für euer Leben, mit Lebensfreude und Energie. Ich wünsche euch, dass ihr Orte findet, an denen ihr in eurem Element seid, an denen ihr mit euren Gaben gebraucht werdet, wo ihr spürt: Hier bin ich richtig.

In diesem Sinne verstehe ich auch den Bibeltext aus der Bergpredigt, den ihr euch für diesen Gottesdienst ausgesucht habt. Da heißt es:

Ihr seid das Salz der Erde.

Ihr seid das Licht der Welt.

Also: Ihr könnt und sollt Würze sein für die Welt, ihr Geschmack geben. Ihr seid würzig, ihr habt Pfeffer, jeder mit seinem spezifischen Eigengeschmack! Behaltet euer Salz, eure Begabungen und Fähigkeiten, den Reichtum eurer Persönlichkeit nicht für euch. Bringt euch ein. Gestaltet mit. Engagiert euch. Seid füreinander, seid für andere Menschen da. Wohin euch das Leben auch verschlägt, an dem Ort, wo ihr seid, könnt ihr Salz der Erde sein.

Ihr seid Licht der Welt. Nicht nur den großen Leuchten gilt diese Zusage, sondern ganz genauso den kleinen Lichtern und auch den Armleuchtern – jedes Licht kann die Welt heller machen. Und besser, als über die Dunkelheit zu klagen, ist es immer, ein Licht anzuzünden.

Jesus Christus, von dem diese Worte überliefert sind, traut uns eine Menge zu. Weil er um die Kraft des Glaubens, um die Kraft des Vertrauens weiß. Wenn Gott, der uns unser Leben, unsere Gaben und Fähigkeiten geschenkt hat, wenn er uns auf unseren Wegen begleitet und uns den Rücken stärkt, dann können wir auch Salz der Erde und Licht der Welt sein.

Und das ist mein letzter Wunsch für euch heute: Dass ihr für eure weiteren Schritte und Wege, wohin sie euch auch führen mögen, immer das richtige Schuhwerk habt, Menschen an eurer Seite, die euch gute Wegbegleiter sind, und dass ihr aus dem Vertrauen heraus leben könnt, dass auch Gott eure Wege begleitet, dass er euch Kraft und Mut gibt und euch immer wieder ermutigt, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

Amen

C. Picht-Büscher

 

 

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