Home Berichte 2010 Abiturjahrgang 2010

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, verehrte Eltern, Lehrer, und Ehemalige!

Ich freue mich, lieber Herr Thamm van Balen, über die ehrenvolle Einladung zu dieser feierlichen Veranstaltung.

Als Festredner steht man natürlich vor einer prinzipiellen Frage – nämlich: Was soll man zum Gegenstand seiner Rede machen? Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich erzähle von mir als Person oder Schüler, gehe dann naheliegender Weise auf meine Schulzeit am WG ein und erwähne, dass ich 1983 mit den Leistungskursen Biologie & Geschichte Abitur gemacht habe. In diesem Fall könnte ich Ihnen beispielsweise von der Erfahrung der sich unendlich dehnenden Zeit in den Klausuren erzählen, während derer man hier in diesem ehrwürdigen Remter saß und ob der vielen Zeit – eine Stunde kann sehr lang sein – die Gelegenheit hatte, ausführlich die Ahnentafel zu studieren. In diesem Fall würden Sie sehr bald entdecken, dass sich im Verhältnis Schüler und Schule zwischenzeitlich nicht viel verändert hat. Ich fürchte jedoch, diese Erkenntnis würde nicht weit tragen und Sie bald langweilen.

Eine zweite Möglichkeit wäre: Ich erzähle von meinem beruflichen Metier. Das sind die Wirtschaftswissenschaften. In diesem Fall könnte ich berichten, dass ich nach 2-jährigem Wehrdienst 1985 ein Studium in dieser Richtung aufgenommen habe, das ich zum historischen Jahreswechsel 1989/1990 als stolzer Diplom-Kaufmann abgeschlossen habe. Ich hatte mich schon früh in meinem Leben für psychologische Fragestellungen interessiert, habe daher in Göttingen neben Betriebswirtschaftslehre auch gleichzeitig Organisations- und Marktpsychologie studiert. Dementsprechend wird an meinem Institut heute ein betont verhaltenswissenschaftlicher Zugang zu Fragen der menschlichen Arbeit und Führung sowie zum strategischen Innovationsmanagement gepflegt. Ökonomie hat mich ebenfalls schon immer fasziniert: Die Wirtschaft nimmt heute zweifelsohne eine dominierende Rolle im Leben der Menschen ein. Sie prägt vieles in unserer Gesellschaft, entschied schon manches Mal in der Geschichte sogar über Krieg & Frieden. Bei vielen genießen die Wirtschaftswissenschaften dennoch einen etwas zweifelhaften Ruf: Sei es, dass man sie für spröde und langweilig hält (jedenfalls für nicht so interessant wie die interstellare Atomphysik), sei es, dass man sie als eine Methode interpretiert, mit deren Hilfe gierige Banker oder ausbeuterische Manager ihre egoistischen Gelüste noch effizienter befriedigen können. Es wird Sie nicht überraschen, dass ich das ein wenig anders sehe. Allerdings stimmt, was der US-Schauspieler Danny Kaye über die Wirtschaftswissenschaften gesagt hat. Nämlich: Sie seien das einzige Fach, in dem jedes Jahr auf dieselben Fragen andere Antworten richtig sind.

Trotzdem: Dieser Weg einer Festrede wäre für diejenigen von Ihnen interessant, die BWL oder VWL studieren möchten, würde aber vermutlich wenig interessant sein für angehende Biologen oder Mediziner. Also, was tun?

Soll ich Ihnen vielleicht von der Wissenschaft als solcher erzählen? Ich zögere – denn das wissenschaftliche Lehren macht heute nicht immer Spaß. Im Zuge des sog. Bologna-Prozesses werden die Universitäten langsam aber sicher zu Wirtschaftsbetrieben umgebaut und zu einer allgemeinen Erleichterungspädagogik angehalten. Was ich damit meine? An den Universitäten hat sich das Verhältnis umgedreht: Eigeninitiativ werden die wenigsten, Wissen wird nicht mehr als eine Holschuld begriffen. Vielmehr glaubt man, der Dozent müsse einen primär gut unterhalten, und der Student besitze bereits mit der Einschreibung ein Anrecht auf einen guten Studienabschluss, sprich ein Diplom. Was sage ich? Diplom? – das gibt es ja auch nicht mehr. Schlaue Studienratgeber suggerieren den neu eingeschriebenen Studenten das anstrengungslose Lernen, das man quasi nebenbei – zwischen Hobby, Wochenende und Kurzurlaub im Semester – erledigen kann. „Infotainment“ ist angesagt. Und vor lauter Evaluationen, Modulbeschreibungen, Exzellenzanträgen, Förderrichtlinien, Zielvereinbarungen und flexiblen Personalbudgets schwirrt selbst mir als Wirtschaftswissenschaftler gelegentlich der Kopf.

Doch ich will nicht ganz in Schwarz malen: Wissenschaft hat auch ihre schönen Seiten. Räumt man alles das beiseite, was einem die Wissenschaftsfunktionäre und Bildungsbürokraten so nach und nach aufs Auge drücken, dann bleibt die Erfahrung, dass Lernen und Lehren auch ausgesprochen befreien kann. Und eines finde ich besonders schön: Anders als Ideologien, Dogmen, Parteiprogramme oder Religionen sagt die Wissenschaft einem nicht, was man denken soll, sondern vielmehr wie man denken soll. Zwar wird es immer mühsamer, sich auf sein eigentliches Kerngeschäft zu konzentrieren, auf der anderen Seite trifft man an der Universität doch noch viele wissenshungrige Menschen, die wissen, was den Bildungsfunktionären offensichtlich entgangen ist: Dass man nämlich an den Schulen und Hochschulen nicht primär für einen bestimmten Beruf ausbildet, sondern vielmehr die Schülerinnen und Schüler als Persönlichkeit bildet. Und Bildung braucht eben Zeit – sie passt nicht in den 6-semestrigen Bachelor, der in der jetzigen Form oft nicht viel mehr als ein berufsorientiertes Kurzstudium ist. Mich interessiert als Hochschullehrer aber der ganze Mensch – nicht nur der Mensch als Produktionsfaktor oder Konsument, als betrieblicher Vermögenswert, als „Humankapital“. Ich will ausbilden und bilden. Oder wie Günter Jauch neulich so schön in einem Interview sagte: „Bildung kann man nicht downloaden!“

Verzeihen Sie mir bitte, nun bin ich doch ins leicht Negative abgeschweift – und das an so einem Tag wie diesem! Es wird also höchste Zeit, dass ich doch noch die Kurve kriege und mein universales Thema für diese Rede finde. Vielleicht kann das die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts mit ihren diversen Spielern sein. Seit Anbeginn der Zeit hat das auf dieser Welt verfügbare Wissen stetig zugenommen und ist aufgrund der Verbreitung des Internets in den letzten Jahren geradezu explodiert. Wissensökonomen schätzen, dass 90 % der auf dieser Welt jemals gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen nach dem 2. Weltkrieg erzeugt wurden. Cäsar dagegen hatte angeblich noch das gesamte Weltwissen stets bei sich; es passte in sieben Holztruhen, die er sich von sieben Sklaven hinterhertragen ließ.

Ein Kollege hat mir neulich vorgerechnet, dass in diesem Jahrzehnt fast drei Viertel aller Kopfarbeiter leben, die jemals insgesamt auf dieser Erde gewandelt sind – von Archimedes über Gottfried Wilhelm Leibniz bis zu Albert Einstein und Peter Sloterdijk. Diese Kopfarbeiter erscheinen heute als Ingenieure, Chemiker, Unternehmensberater, Software-Entwickler, Forscher, Lehrer und Rechtsanwälte. Sie alle arbeiten mit und an der Ressource Wissen. Aber – Informationen sind noch kein Wissen! Und wir haben ein Filterproblem: Was ist wichtig, welche Information hilft mir? Ein Dilemma tut sich auf: Daten und Informationen werden täglich milliardenfach erzeugt, aber die vernünftige Interpretation dieser Daten macht Schwierigkeiten. Wir ertrinken heute in Informationen und dürsten gleichzeitig nach Wissen.

Die neuen Kenntnisse und Möglichkeiten, oder wie die Soziologen sagen: Die Multioptions-Gesellschaft, eröffnet zugleich neue Probleme: Die Welt wird zunehmend unübersichtlich, und es ist viel schwieriger geworden, sich zu orientieren. Hierzu trägt die schöne neue Welt der Mikroelektronik mit ihrer Dynamik entscheidend bei. Im Gegensatz zu Ihren Eltern (und auch mir), die wir ja nur digital immigrants sind, dürften die meisten der hier sitzenden Schülerinnen und Schüler heute digital inhabitants sein – ich bin ins digitale Zeitalter noch eingewandert, Sie sind bereits Eingeborene. Sie alle wissen, dass seit Jahren das größte Rechnernetz aller Zeiten, das Internet, entsteht. Sie alle wissen, dieses speichert gigantische Mengen an Daten und stellt unzählige Dienste bereit. Das Internet entspricht damit dem integrativen Vernetzungsgedanken, der so typisch für die Wirtschaftssysteme des 21. Jahrhunderts ist – und das Internet wird täglich größer und größer. Dank immer leistungsfähigerer Handys – sie können auch Blackberries, I-Pods oder Smartphones sagen – sind wir auf Schritt und Tritt von einem gigantischen Datennetz umhüllt: Das mobile Internet weist uns per Handy den Weg zur nächsten Tankstelle, zum nächsten Bankautomaten, zur einer freien Wohnung oder einem leckeren italienischen Restaurant.

Ich will hier nicht auf die uralten Ängste eingehen, die der Mensch vor der Maschine seit Urzeiten hat. Nicht zufällig hat der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, gerade mit seinem aktuellen Buch „Pay back“, das sich mit den Gefahren einer gigantomanischen Computerisierung und deren Auswirkung auf unser aller Leben auseinandersetzt, so großen Erfolg. Aber vielleicht sehen das die digitalen Einwanderer eben nur skeptischer und ängstlicher als Sie, die digitalen Ureinwohner des 21. Jahrhunderts. Doch wenn der schnellste Computer der Welt, der sog. Roadrunner, bereits 2008 eine Billarde – das sind eine Milliarde Millionen Rechenschritte pro Sekunde schaffte, dann ist dies schon irgendwie beängstigend! Die Computerfreaks unter Ihnen kennen das berühmte Moore’sche Gesetz: Es geht zurück auf den Intel-Gründer Gordon Moore, der diese entsprechende Erfahrung bereits in den 60er Jahren formulierte: Bei den mechanischen Rechnern lässt sich alle zwei Jahre eine Verdoppelung ihrer Leistung erkennen. Nur ein Gedankenexperiment: Wenn das Moore’sche Gesetz auch noch die nächsten 40 Jahre gilt, dann wird der schnellste Computer im Jahr 2050 etwa eine Million Mal so schnell wie der Roadrunner sein. Dies entspricht dann einer Rechenleistung von 1 Trilliarde Rechenschritten pro Sekunde. (Ihr Mathematiklehrer wird Ihnen erklären können, wie viele Nullen eine Trilliarde hat.)

Ich erinnere mich an dieser Stelle natürlich an den berühmten Stanley Kubrik-Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Hier kann der Astronaut das künstliche Gehirn HAL einfach schrittweise abschalten, als es anfängt, verrückt zu spielen. HAL („IBM“!) wird abgeschaltet – der Mensch siegt über die (noch geistlose) Maschine. Wird das mit dem Roadrunner des Jahres 2050 auch so einfach sein? Eine ähnliche Wissenschaftsfurcht und Technologieangst zeigen sich in der Genforschung oder der Nanotechnik. Nicht wenige Experten warnen hier vor sich selbst reproduzierenden winzigen Maschinen, vor Replikanten – der Blade Runner lässt grüßen!

Es gibt nicht wenige Philosophen und auch Hirnforscher, die meinen, der Mensch sei nur ein höher begabtes Tier. Unser Gehirn hat sich jedenfalls in den letzten 40.000 Jahren nicht verändert. Für dieses etwas talentiertere Wesen ergibt sich immer das Problem der Dialektik: Mit jedem Werkzeug kann man Gutes wie Böses zugleich tun. Unsere Vorväter konnten mit dem Faustkeil schnell und effizient Tiere zerlegen, aber auch schnell und effizient ihren Nachbarn töten. Das Feuer der Höhlenmenschen wärmte sie und schützte ihre Familien im Winter vor dem Erfrieren – diente aber manchmal auch dazu, die Holzvorräte der ungeliebten Nahrungskonkurrenten in der Nachbarsiedlung abzubrennen.

Und so verhält es sich auch mit dem Computer: Segen und Fluch liegen hier sehr dicht beieinander. Schauen Sie sich nur die aktuellen Entwicklungen bei Facebook und Google an. Google fährt mittlerweile mit seinen Streetview-Fahrzeugen durch die Welt und fotografiert alles, was vor die Linse kommt. Nebenbei kam heraus, dass man dabei „aus Versehen“ jahrelang in über 20 Ländern diverse Mails und Handygespräche mitgeschnitten hat. Eine bedauerliche Panne. Mit dem Datenschutz bei Facebook steht es nicht viel besser. Mark Zuckerberg, der Begründer von Facebook, hält nicht viel von Datensicherheit – warum auch, schließlich ist der Verstoß gegen Datenschutz ja quasi sein Geschäftsmodell. Heute ist man z.B. schon Teil von Facebook, wenn man von einem Bekannten über Facebook angemailt wird. Wie das Unternehmen die Daten unbeteiligter Dritter schützt und wie das ungefragte Hochladen ganzer Telefonbücher wieder gelöscht werden kann, hat Facebook jedenfalls bis heute nicht verraten. Man ist „drin“ – ob man will oder nicht. Weltweit zählt das Unternehmen so schon fast eine halbe Milliarde Nutzer.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil ich Ihnen den Blick für die Notwendigkeit der kritischen Vernunft gegenüber neuen Technologien schärfen möchte. Es ist schon erstaunlich, dass wir mit unserem Protest dem Staat eine große Volkszählung unmöglich machen, gleichzeitig aber profitorientierten amerikanischen Medienkonzernen bedenkenlos unsere Daten anvertrauen oder uns zumindest nicht ernsthaft gegen Ausspähung und Bespitzelung wehren. Bei meinen Studenten stelle ich in diesem Punkt – leider – häufig eine atemberaubende Naivität fest. Daten und Informationen sind der wichtigste Produktionsfaktor, der wichtigste „Asset“ dieses Jahrhunderts. Wissen ist Macht und ein Informationsmonopol ist oft zugleich auch ein Einflussmonopol.

Gleichwohl steht Ihnen nun die Welt offen! Von Ihrer Leistungs- aber auch ihrer Kritikfähigkeit hängt ein großes Stück unserer Zukunft ab. Und ich meine damit nicht nur die wirtschaftliche oder gar betriebswirtschaftliche Zukunft, sondern auch die gesellschaftliche. Ihre Fähigkeit und Ihr Wille zur kritischen Reflexion all der Dinge, die von Ihnen erdacht, angestoßen oder technologisch begleitet werden, sind essentiell. Sie besitzen nicht nur die fachliche Chance, sondern geradezu die Verpflichtung, die Folgen Ihrer Handlungen und Entscheidungen zu hinterfragen und dabei bewusst immer auch über den Tellerrand Ihrer eigenen beruflichen Praxis hinauszublicken. Ich will es überspitzter sagen: Wir brauchen keine Fachidioten, die denken, man solle alles tun, was technologisch machbar ist. (Und ich denke dabei nicht nur an Ölbohrungen im Golf von Mexiko.) Was wir brauchen, sind kreative junge Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen – dabei aber immer den Blick oben behalten und über die engere fachliche Spezialisierung hinausblicken. Seien Sie skeptisch! Zweifeln Sie! Zweifeln ist keine Schande!

Ich bin mir sicher, dass Ihre Zeit an dieser ehrwürdigen Braunschweiger Schule Sie in diesem Sinne gut auf das zukünftige Leben vorbereitet hat. Insofern darf ich Ihnen hiermit nochmals ganz herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihrer Schulzeit gratulieren! Vor Ihnen liegt eine tolle Zeit! Suchen Sie sich eine Betätigung, nach der es sie in Ihrem Innersten verlangt. Leben Sie Ihren Beruf, sehen Sie ihn nicht nur als „Job“! Wie hat der große Max Weber einmal gesagt: Nichts ist für den Menschen etwas Wert, das er nicht mit Leidenschaft tun kann.

Ich wünsche Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg alles Gute und Gottes Segen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Gerhard Thamm van Balen, OStD

 

 

 

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